20.09.06
“Weblogs sind zu zu 99,99 % egozentrischer Schrott”
„In unserem Competence Center Redaktion werden Themen aufgespürt, prägnante Pressetexte, starke Textideen sowie Printprodukte entwickelt und Kampagnenkonzepte auf die Goldwaage gelegt“, heißt es in einer aktuellen Stellenanzeige der Hamburger PR-Agentur fischerAppelt Kommunikation. Wie man das erfolgreich macht, hat Agenturchef Lars-Christian Cords gestern Abend im Hamburger „media coffee“ der dpa-Tochter „news akuell“ gezeigt. Dort verkündete er:
„blogs und das was man da so sieht ist ist immer noch zu 99,99 % egozentrischer, selbstreflektierter schrott auf dem niveau von teenager tagebüchern. […] was sie bei youtube, myspace und überall finden, das ist alles so unterirdisch, da möchte man sich gar nicht mit auseinandersetzen.“ (gefunden bei wirres.net, basic thinking und Haltungsturner).
Im offziellen Blog des Veranstalters (der gerade als kollektiver Weblog der PR-Branche eingerichtet wurde) liest sich das etwas moderater: „Der allergrößte Teil der Web 2.0-Inhalte (nämlich 99,99 Prozent) ist egozentrischer Müll”. Felix Schwenzel beschreibt in seinem Blog sehr ausführlich den Verlauf des Abends und wie es zu diesen Äußerungen kam.
Aber wie dem auch sei: Der Chef einer renommierten deutschen PR-Agentur, die gerade den Deutschen PR-Preis für die Kampagne „Du bist Deutschland“ erhalten hat, verschließt offensichtlich die Augen vor der aktuellen Entwicklung in der Kommunikations- und Medienlandschaft. Und tritt dabei gleich noch in die Fußstapfen seines „Du bist Deutschland“-Partners Jean-Remy von Matt, der in einer internen Mail von „Blogs als Klowände des Internets“ geschrieben hatte und dafür einen Proteststurm nicht nur in der Bloggosphäre erntete.
Aber vielleicht war die Pöbelei von Lars-Christian Cords vor “knapp 300 Pressesprechern, PR-Machern und Fachjournalisten” auch nur eine wohlkalkulierte PR-Aktion, um Aufmerksamkeit zu erregen. Denn schließlich sind auch schlechte Schlagzeilen immerhin Schlagzeilen.
Allerdings bleibt die Frage, ob nicht etliche von seinen zahlreichen prominenten Agenturkunden in nächster Zeit doch Weblogs oder andere Web 2.0-Plattformen als interessantes Mittel für ihre Kommunikation erkennen? Und ob die dann bei der Umsetzung unbedingt auf fischerAppelt Kommunikation vertrauen? Eine kurze Google-Recherche dürfte schon bald wenig Schmeichelhaftes zu diesem Thema zu Tage fördern. Aber es gibt ja genügend andere PR-Agenturen, die sich schon länger sehr ernsthaft mit diesem Thema beschäftigen ….
Wenn man de.internet.com Glauben schenken darf, empfiehlt Cords seinen Kunden ohnehin “die Einführung eines Corporate Blogs wegen des hohen Zeitaufwands, der damit verbunden ist” nicht. Denn bei diesem “Hype um das goldene Kalb” wolle er nicht mitmachen. Schließlich würden nur Inhalte aus Blogs wirklich wahrgenommen, “die den Sprung in die reale Medienwelt schaffen“. Nur wenige Blogger seien heute relevant. “Im Rahmen der Unternehmenskommunikation sollte man diese allerdings beobachten“, riet Cords laut de.internet.com.
Nachtrag: Inzwischen gibt es einen (gut gemachten) Podcast von der Veranstaltung. Dort ist dann auch zu hören, wie es nach den oben zitierten Äußerungen weitergeht. Denn zu dem 1 Promille Web 2.0-Anwendungen, die kein Schrott sind, hat Lars-Christian Cords durchaus eine differenzierte Meinung.
Und zu dieser differnzierten Meinung (Danke! ;-)) gehört auch, dass ich tatsächlich gesagt habe, ich würde meinen Kunden die Einführung eines Corporate Blogs nicht PAUSCHAL empfehlen. Ob diese Form der Kommunikation für ein Unternehmen geeignet sei hänge vom Einzelfall ab und man dürfe z.B. den Aufwand nicht unterschätzen, der mit dem “Betrieb” verbunden sei.
Wow, eure durchlaucht liest ja wirklich blogs. der weiß bestimmt wovon er spricht, wenn er blogs als ego-schrott bezeichnet. ich bin über die aussagen weniger verwundert als erleuchtet.