22.04.08
CSR: PR-Gau bei der Credite Suisse?
Es hätte so schön sein können. Am vergangenen Mittwoch begann das Schweizer Geldinstitut Credit Suisse in seinen Filialen mit der Verteilung von 200.000 Fussbällen in den Landesfarben der Eidgenossenschaft, um “bei Kindern und Jugendlichen die Freude am Spiel nahe bringen und die Vorfreude auf die bevorstehende Europameisterschaft zu wecken“.
Auf der Website der Bank ist zu dieser Aktion unter anderem zu lesen: “Die Geschichte der Fussbälle beginnt in Pakistan. Dort nämlich werden sie hergestellt, unter strenger Aufsicht eines international tätigen Qualitätsinstituts. Die Experten vor Ort achten nicht nur auf gute materielle Qualität, sondern besonders auf faire Arbeitsbedingungen für die Mitarbeiter. So wurden die Bälle ohne Kinderarbeit hergestellt.”
Doch genau das wird jetzt bezweifelt. Das Magazin “10 vor 10″ des Schweizer Fernsehens veröffentlichte brisante Dokumente aus Pakistan, nach denen die bunten Bälle von pakistanischen Kindern gefertigt wurden - für schlappe 39 Rappen das Stück. Als Beweis dienen Rechnungen des im pakistanischen Sialkot ansässigen Ballherstellers Sunflex International an die Credit Suisse.
Ein weiterer Skandal: Ausgerechnet dieser Hersteller lässt sich vor Ort nicht von der staatlich mitfinanzierten “Organisation gegen Kinderarbeit” Imac kontrollieren. Seit Jahren schaut Imac rund 95 Prozent der Ballproduzenten in Sialkot auf die Finger, berichtet “10 vor 10″ - nicht aber Sunflex International.
Das Magazin: Der von dem Schweizer Geldhaus beauftragte Ballhersteller habe die Näharbeiten an Subunternehmen weitervergeben. Diese wiederum ließen die Bälle in Dörfern von Familien nähen - darunter offenbar auch von deren Kindern. Als Lohn erhielten die Familien gerade mal die Hälfte des vor Ort üblichen Lohns - umgerechnet 24 Cent.
“Wir sind bestrebt, bei unserer Geschäftstätigkeit Umwelt- und gesellschaftliche Aspekte zu berücksichtigen. Mit der Unterzeichnung internationaler Umwelt- und Nachhaltigkeits-Chartas unterstreichen wir unser Engagement“, verkündet die Credite Suisse in ihrem “Corporate Citizenship Report”. Daran wird das Geldinstitut nun - zu Recht - gemessen.
Es kann ja sein, dass das renommierte Bankhaus beim Auftrag zur Fertigung der Werbebälle von seinen Lieferanten getäuscht wurde. Vielleicht ist auch nur schlampig gearbeitet worden oder jemand will dem Finanzdienstleister aus Zürich am Zeug flicken.
Trotzdem ist die bisherige Reaktion auf die Vorwürfe - gelinde gesagt - wenig professionell. Offenbar wurde das Unternehmen von den Anschuldigungen ziemlich überrascht. “Das ist so noch nicht vorgekommen“, sagte eine Bank-Sprecherin gegenüber den Medien. Die Credit Suisse prüfe derzeit die Vorwürfe, die Anschuldigungen sollen “so schnell wie möglich” aufgeklärt werden. Erforderlich sei jedoch eine gründliche Prüfung.
In der Zwischenzeit werden die Bälle aber in den Schweizer Filialen weiter verteilt. Und die schöne Story über den Weg der 200.000 Werbegeschenke in das Alpenland ist nach wie vor im Original und unkommentiert auf der Website zu finden. Eine aktuelle Reaktion auf die Medienberichte dagegen nicht. Und von einem Corporate Weblog, in dem das weltweit aktive Geldhaus, schnell und aus erster Hand über die Ergebnisse seiner Aufklärungsaktionen im fernen Pakistan berichten könnte, hält man in Zürich offensichtlich auch nichts.
Das gestern der Börsenkurs der Credite Suisse um 2,14 % nachgegeben hat, wird wohl noch nichts mit der aktuellen Diskussion und eventuellen Boykott-Aufrufen zu tun gehabt haben. Aber das kann sich schnell ändern: Ist das Image erst einmal ramponiert, wirkt sich das auch auf den Kurs an der Börse aus. Siehe Nokia.
NACHTRAG: Die Credit Suisse kann laut eigenen Angaben nicht ausschliessen, dass pakistanische Kinder ihre Werbefussbälle zusammengenäht haben. In einem Communiqué vom Dienstag schreibt sie: “Der Schweizer Auftragnehmer, die mit der Produktion der Bälle beauftragte Firma in Pakistan wie auch eine unabhängige internationale Prüfungsorganisation vor Ort haben schriftlich bestätigt, dass es keine Anzeichen für Kinderarbeit gibt“. Die Credit Suisse setze sich hohe ethische Standards und sei sich ihrer sozialen Verantwortung bewusst, heisst es in dem Communiqué weiter. Allein das Bestehen eines blossen Verdachts, dass bei der Herstellung der Fussbälle ein Verstoss gegen das Kinderarbeitsverbot vorliegen könnte, sei inakzeptabel. Deshalb habe die Grossbank nun dem Kinderhilfswerk Unicef eine Spende von einer Million Franken zukommen lassen.


Die andere Grossbank, die UBS, gibt sich Web 2.0-technisch ebenso bedeckt. Obwohl auch sie in den letzten Monaten ihre Krisen durchgemacht hat. Um das Image wieder aufzupolieren, setzt sie auf die unverfängliche Fussball-EM.