16.11.08
Burks, Basic, Heilmann - die deutsche Blogosphäre diskutiert über Politik
An diesem Wochenende fliegen die Fetzen. Wer geglaubt hat, dass in deutschen Weblogs nicht über Politik diskutiert (und teilweise heftig gestritten) wird, sieht sich plötzlich eines besseren belehrt. Den Anfang machte die merkwürdige Hausdurchsuchung bei dem Blogger und freien Journalisten Burkhard Schröder (Burks), weil er einen steinalten Text zum Bau von Bomben in ein Forum gestellt hatte. Während sich ein Teil der politischen Weblogs mit dem Betroffenen solidarisierte, sorgte ein “Experiment” des deutschen Vorzeige-Bloggers Robert Basic für heftigen Streit.
Denn der “Blog-Gott” verteidigte die Aktion der Staatsmacht und verweigerte dem betroffenen Blogger die Solidarität. Was eine Welle von Kommentaren im Blog auslöste, deren Ton immer mehr eskalierte. Ein Phänomen das beispielsweise aus dem Heise-Forum hinlänglich bekannt ist. Was Robert Basic damit zeigen wollte, erschließt sich mir allerdings nicht so recht. Interessant auf jeden Fall: Die Diskussion über die Hausdurchsuchung bei Burks schaffte nicht den Sprung aus den Blogs in die Mainstream-Medien.
Das kann man vom zweiten Aufreger des Wochenendes nicht gerade sagen: Parallel zu zahllosen Weblogs berichteten auch heise, golem, Spiegel Online, Focus Online, tagesschau.de, FAZ online, Zoomer und diverse andere Online-Medien über das Eigentor des Bundestagsabgeordneten der Linken Lutz Heilmann. Der hatte per Einstweiliger Verfügung die deutschsprachige Seite Wikipedia.de abschalten lassen, weil ein Beitrag der Online-Enzyklopädie über ihn “falsche Tatsachenbehauptungen, die meinen Ruf schädigen” enthält.
Dies kann in der Tat so sein und wer schon mal die Kämpfe zwischen den verschiedenen Wikipedia-Editoren miterlebt hat, kennt das Problem. Es ist nicht immer einfach, tatsächlich (die eigentlich vorgesehene) “objektive Darstellung” durchzusetzen. In diesem konkreten Fall ging es wohl um eine Schmutzkampagne der Bild-Zeitung, deren Aussagen auch Einzug in den Wikipedia-Beitrag gehalten hatten. Und so wie Heilmann gegen die Boulevard-Presse erfolgreich geklagt hatte, tat er es nun auch gegen Wikipedia. Ein deutsches Gericht hat dabei seine Position unterstützt.
Unter PR-Gesichtspunkten war diese Aktion wohl trotzdem ein Eigentor für den Abgeordneten, der vor der Wende als junger Mann im Personenschutz des Ministeriums der Staatssicherheit der DDR tätig war. Und auch ein Bärendienst für seine Partei. Denn natürlich wurde das drastische Vorgehen - auch von prominenten Bloggern - genutzt, um der Linken Demokratiefeindlichkeit und Zensur vorzuwerfen. Zumal diese Methode der Auseinandersetzung auch wenig Verständnis für die Arbeitsweise der Wikipedia und der Social Media-Angebote im Web insgesamt erkennen lässt. Denn der fragliche Beitrag ist nach wie vor zu lesen.
tagesschau.de fasst das Ergebnis dieses PR-Gau sehr schön zusammen: Zugleich hat Heilmann mit seinem juristischen Vorgehen vermutlich genau das Gegenteil von dem erreicht, worum es ihm ging: Wikipedia-Nutzer ärgerten sich über die in seinem Namen erwirkte Sperrung. Die allermeisten Surfer dürften erst dadurch auf die auf Heilmann und die von ihm “als falsche Tatsachenbehauptungen” bezeichneten Äußerungen aufmerksam geworden sein. Online-Medien und Weblogs berichteten über die Sperrung. In Foren und Weblogs disktuierten Internet-Nutzer über Heilmanns Vorgehen und die Vorwürfe, die mögliche Stasi-Verwicklungen und das Privatleben Heilmanns betreffen sollen. Gegen dieses Web-Echo wird Heilmann kaum vorgehen können - es bleibt auf absehbare Zeit bei der Suche nach seinem Namen im Internet erhalten. Heilmanns eigene Internet-Seite ist offenbar unter erhöhtem Nutzer-Interesse zusammengebrochen.
NACHTRAG: Als ich gestern dieses Posting geschrieben habe, fragte ich mich noch nach dem Sinn des Basic-Sozialexperiments. Nachdem ich gerade die neuesten Entwicklungen im “Fall Heilmann gegen Wikipedia” vefolgt habe, bin ich Robert Basic fast dankbar. Dass er uns einmal den Spiegel vorgehalten. Denn auch hier ist das gleiche Eskalationsmuster erkennbar.
Offensichtlich verlieren viele Deutsche - ob am Stammtisch, im Blog oder in den Kommentaren - in der politischen Debatte schnell jedes Differenzierungsvermögen oder gar die Gabe, den Standpunkt des “Gegners” in ihren Überlegungen zu bedenken. Da wird losgeholzt und die bereits vorgefasste Meinung vorgetragen. Als Diskussion kann man das kaum bezeichnen. “Kalter Krieg in dumpfen Hirnen“, nennt Ralph Segert das in seinem Blog.
Und es sind leider nicht nur die “Heise-Foren-Trolle”, wie jurabilis vermutet. (Das heise-Forum ist bisher übrigens der einzige Ort, an dem die e-Mail aus dem Parteivorstand der Linken veröffentlicht worden ist, die sich kritisch mit dem unsensiblen Verhalten des “Genossen Heilmann” auseinandersetzt). Nein, auch solche honorigen Blogger wie Thomas Knüwer, Jochen Hoff oder Burkhard Schröder hauen undifferenziert auf die Linke drauf. Wie schrieb Robert Basic so schön als Fazit seines Selbstversuchs: “Das ist erschreckend, wie Menschen so schnell zuschnappen! Das macht mir echt zu Schaffen, wie man einen zivilisierten Umgang so komplett einfach aushebeln kann.“
Die Aktion von B. Schröder scheint mir auch ein Selbstversuch gewesen zu sein, der hat wohl zuviele Rechner.
Und wenn Heilmann morgen ne Erklärung rausgibt “War nur ein Sozialexperiment! Wollte nur mal testen, was passiert,… ” - dann wollen wir auch ihm dankbar sein für dieses lehrreiche Stück.
Nette Idee, man entdeckt sicherlich so einige Schmuckstücke in der weiten Welt der Blogs