16.11.08
Lutz Heilmann contra Wikipedia: Vernunft siegt doch
Es hat zwar ziemlich lange gedauert. Aber rechtzeitig vor Ende des Wochenendes meldete sich die Bundestagsfraktion der Linken zusammen mit dem Lübecker Abgeordneten Lutz Heilmann doch noch mit einer Pressemitteilung zu Wort. Darin ist zu lesen:
Nachdem die falschen, ehrabschneidenden und deshalb mein Persönlichkeitsrecht verletzenden Inhalte weitgehend aus dem entsprechenden Artikel entfernt wurden, habe ich gegenüber dem Wikimedia e.V. erklärt, dass ich keine weiteren juristischen Schritte unternehmen werde und die Weiterleitung auf die Wikipedia-Inhalte unter http://de.wikipedia.org wieder geschaltet werden kann. … Ich bedaure außerordentlich, dass durch die von mir beantragte Einstweilige Verfügung des Landgerichts Lübeck die deutschen Wikipedia-Userinnen und -User in den letzten 24 Stunden keinen direkten Zugriff mehr auf die Wikipedia-Inhalte hatten. Mir ging es dabei keineswegs um Zensur, sondern schlicht um eine wahre Tatsachen-Darstellung. …. Gemeinsam mit Wikimedia e.V. werde ich nach anderen Wegen suchen, um den offenen und freien Charakter von Wikipedia so weiter auszugestalten, dass Persönlichkeitsrechte gewahrt bleiben.
An dem PR-Gau, den die Einstweilige Verfügung verursacht hat, wird das nicht mehr viel ändern. An den Fehlwahrnehmungen in Medien und bei Bloggern vermutlich auch nicht. Aber immerhin hat die Parteiführung der Linken Lutz Heilmann offensichtlich zur Vernunft gebracht. Und man sollte die Kirche auch im Dorf lassen. Denn in den letzten 24 Stunden war weder die Wikipedia (inklusive des strittigen Artikels über den Abgeordneten) komplett gesperrt, noch hat eine Zensur des Internet stattgefunden. Und die “armen Schülerinnen und Schüler”, die sich am Wochenende nicht auf den Unterricht vorbereiten konnten (wie teilweise zu lesen war), sind vermutlich clever genug, um auf Wikipedia-Inhalte entweder direkt oder über eine Suchmaschine zuzugreifen (was sowieso in der Mehrzahl der Fälle der Weg ist).
Was bleibt also von dieser Posse neben dem Imageschaden für die Linke? Vor allem die Erkenntnis, dass sich Politiker intensiver mit den Wirkungsmechanismen des heutigen Web beschäftigen sollten. Dann könnten sie vielleicht das Ergebnis von unbedachtem Handeln besser einschätzen. Und es stellt sich schon die Frage, wie eine Privatperson gegen Falschbehauptungen in der Wikipedia wirkungsvoll vorgehen kann?
Denn inzwischen ist relativ unstrittig und auch gestern bereits in der Wikipedia entsprechend korrigiert worden, das bestimmte Spekulationen aus dem privaten Bereich des Abgeordneten eigentlich in der Online-Enzyklopädie nichts verloren haben. Direkte Korrekturen sind zwar möglich (und wurden wohl auch versucht), arten aber sehr schnell in einen Editoren-Krieg aus. Eine Gegendarstellung - die im Falle von Falschbehauptungen in der Presse funktioniert hat - blieb bei der Wikipedia ebenfalls wirkungslos. So blieb Lutz Heilmann nach eigener Einschätzung nur der juristische Weg. Dabei sollte auch bedacht werden, dass ein deutscher Richter am Landgericht Lübeck die Einstweilige Verfügung erlassen hat. Schlagzeilen wie “Die Linke zensiert das Internet” sind also doppelt falsch.
Letztendlich hat Heilmann vermutlich genau das Gegenteil von dem erreicht, was er wollte. Sein Name und seine Vergangenheit als Personenschützer in der DDR sind nun wirklich breit bekannt. Und auch die Verbindung “Heilmann” und “Sexshop” scheint - wenn man sich die Google-Suchen etlicher Besucher in diesem Blog hier betrachtet - in den letzten Stunden sehr beliebt gewesen zu sein.
Und noch eine Lehre kann man auf jeden Fall ziehen: Für Krisen-PR bleibt in Zeiten des Web 2.0 nicht mehr viel Zeit. In 24 Stunden - auch am Wochenende - entsteht eine Lawine, die in den Suchmaschinen noch sehr lange ihre Spuren hinterlassen wird.


Sehr richtige Analyse, besonders das letzte. Wichtig ist denke ich, dass solche Krisen schnell entdeckt werden und das die Auslösenden und Beteiligten sich nicht allzu Beratungsresistent geben. Schnelle Reaktion ist das a&o