Gemeinschaftsweblog von MitarbeiterInnen und Gästen der Düsseldorfer PR-Agentur conosco
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Category — Krisen-PR

TSG macht den Obama

Thorsten-Schäfer Gümbel – kurz TSG – ist der kultige Spitzenkandidat der hessischen SPD für die Landtagswahl im Januar 2009 und macht seit heute mit einem Video auf YouTube von sich reden. Von einem Online-Wahlkampf wie Barak Obama ist er sicher noch ein gutes Stück entfernt und ein “Dialog”, wie angekündigt, sieht wohl auch anders aus. Aber auf Twitter und in Blogs bekommt er für den Video-Podcast wegen seiner Authentizät bereits gute Noten. Und Spiegel Online schreibt:

Das Setting wirkt auf den ersten Blick alles andere als glattgebügelt. Schäfer-Gümbel steht jackettlos vor einem Regal mit Fachbüchern und erweckt den Eindruck, als habe er spontan in der Mittagspause den Entschluss gefasst, sich per Internet-Botschaft ans Volk zu wenden. Doch die Schlichtheit ist gewollt. Denn Wähler, das wissen auch Politiker mittlerweile, wollen keinen über-professionellen Hochglanzredner, der vom Teleprompter abliest. Deshalb stört es nicht, dass “TSG” eins, zwei Mal nach Worten sucht.

Dass der weithin unbekannte Kandidat dabei Risiken eingeht, hat das Hamburger Magazin auch entdeckt:

Eines haben die Strategen allerdings nicht bedacht. Das Youtube-System der Querverweise auf verwandte Videos blendet unmittelbar andere Beiträge zu Schäfer-Gümbel ein. Darunter jede Menge Spottmaterial, das Journalisten und Hobby-Lästerer in den vergangenen Wochen zuhauf verfassten – nutzerfreundlich gebündelt. Zum Beispiel die Karikatur von Schäfer-Gümbel als Obama (“Yo isch kann”), unterlegt mit deutschem Punkrock. Oder eine Fernsehsatire, in der der Spitzenkandidat als “Agent Doppelnull” verhöhnt wird. Oder Ausschnitte aus einem Fernsehinterview, in dem Michel Friedman Schäfer-Gümbel einen “Ypsilanti-Ersatz” und “politischen Lügner” nennt. Wer den Web-Wahlkampf will, muss auch seine derben Nebenprodukte in Kauf nehmen.

Aber was soll es? TSG hat angesichts der Umfragewerte der hessischen Sozialdemokraten nicht mehr viel zu verlieren und kann nur versuchen, den in weiten Kreisen des Landes immer noch unbeliebten Roland Koch auf der persönlichen Sympathieschiene zu schlagen und zu zeigen, dass er Politik nicht so bierernst nimmt. Vielleicht klappt das ja sogar. Das Video ist auf jeden Fall ein Anfang.

httpv://www.youtube.com/watch?v=GtQuaZpVcEY

Dezember 7, 2008   Kommentare deaktiviert

Lutz Heilmann contra Wikipedia: Vernunft siegt doch

Es hat zwar ziemlich lange gedauert. Aber rechtzeitig vor Ende des Wochenendes meldete sich die Bundestagsfraktion der Linken zusammen mit dem Lübecker Abgeordneten Lutz Heilmann doch noch mit einer Pressemitteilung zu Wort. Darin ist zu lesen:

Nachdem die falschen, ehrabschneidenden und deshalb mein Persönlichkeitsrecht verletzenden Inhalte weitgehend aus dem entsprechenden Artikel entfernt wurden, habe ich gegenüber dem Wikimedia e.V. erklärt, dass ich keine weiteren juristischen Schritte unternehmen werde und die Weiterleitung auf die Wikipedia-Inhalte unter http://de.wikipedia.org wieder geschaltet werden kann. … Ich bedaure außerordentlich, dass durch die von mir beantragte Einstweilige Verfügung des Landgerichts Lübeck die deutschen Wikipedia-Userinnen und -User in den letzten 24 Stunden keinen direkten Zugriff mehr auf die Wikipedia-Inhalte hatten. Mir ging es dabei keineswegs um Zensur, sondern schlicht um eine wahre Tatsachen-Darstellung. …. Gemeinsam mit Wikimedia e.V. werde ich nach anderen Wegen suchen, um den offenen und freien Charakter von Wikipedia so weiter auszugestalten, dass Persönlichkeitsrechte gewahrt bleiben.

An dem PR-Gau, den die Einstweilige Verfügung verursacht hat, wird das nicht mehr viel ändern. An den Fehlwahrnehmungen in Medien und bei Bloggern vermutlich auch nicht. Aber immerhin hat die Parteiführung der Linken Lutz Heilmann offensichtlich zur Vernunft gebracht. Und man sollte die Kirche auch im Dorf lassen. Denn in den letzten 24 Stunden war weder die Wikipedia (inklusive des strittigen Artikels über den Abgeordneten) komplett gesperrt, noch hat eine Zensur des Internet stattgefunden. Und die “armen Schülerinnen und Schüler”, die sich am Wochenende nicht auf den Unterricht vorbereiten konnten (wie teilweise zu lesen war), sind vermutlich clever genug, um auf Wikipedia-Inhalte entweder direkt oder über eine Suchmaschine zuzugreifen (was sowieso in der Mehrzahl der Fälle der Weg ist).

Was bleibt also von dieser Posse neben dem Imageschaden für die Linke? Vor allem die Erkenntnis, dass sich Politiker intensiver mit den Wirkungsmechanismen des heutigen Web beschäftigen sollten. Dann könnten sie vielleicht das Ergebnis von unbedachtem Handeln besser einschätzen. Und es stellt sich schon die Frage, wie eine Privatperson gegen Falschbehauptungen in der Wikipedia wirkungsvoll vorgehen kann?

Denn inzwischen ist relativ unstrittig und auch gestern bereits in der Wikipedia entsprechend korrigiert worden, das bestimmte Spekulationen aus dem privaten Bereich des Abgeordneten eigentlich in der Online-Enzyklopädie nichts verloren haben. Direkte Korrekturen sind zwar möglich (und wurden wohl auch versucht), arten aber sehr schnell in einen Editoren-Krieg aus. Eine Gegendarstellung – die im Falle von Falschbehauptungen in der Presse funktioniert hat – blieb bei der Wikipedia ebenfalls wirkungslos. So blieb Lutz Heilmann nach eigener Einschätzung nur der juristische Weg. Dabei sollte auch bedacht werden, dass ein deutscher Richter am Landgericht Lübeck die Einstweilige Verfügung erlassen hat. Schlagzeilen wie “Die Linke zensiert das Internet” sind also doppelt falsch.

Letztendlich hat Heilmann vermutlich genau das Gegenteil von dem erreicht, was er wollte. Sein Name und seine Vergangenheit als Personenschützer in der DDR sind nun wirklich breit bekannt. Und auch die Verbindung “Heilmann” und “Sexshop” scheint – wenn man sich die Google-Suchen etlicher Besucher in diesem Blog hier betrachtet – in den letzten Stunden sehr beliebt gewesen zu sein.

Und noch eine Lehre kann man auf jeden Fall ziehen: Für Krisen-PR bleibt in Zeiten des Web 2.0 nicht mehr viel Zeit. In 24 Stunden – auch am Wochenende – entsteht eine Lawine, die in den Suchmaschinen noch sehr lange ihre Spuren hinterlassen wird.

November 16, 2008   1 Comment

SPD und Web 2:0 – Eigentor von Kurt Beck

Dass die bundesdeutschen Politiker mit dem Web 2.0 nicht viel am Hut haben, hat gerade wieder einmal die Studie “Politik und Web 2.0″ der Onlineagentur Newthinking festgestellt. Immerhin versucht sich die SPD mit dem Facebook-Clone www.meinespd.net. In diesem zum Großteil nur für Parteimitglieder öffentlichen Web 2.0-Angebot können z.B. Profile mit Foto oder Blogs angelegt und Diskussionsforen eröffnet werden.

Soweit die Theorie. In der Praxis muss gerade der 20-jährige Jungsozialist Philipp Geldmacher aus Krefeld die Grenzen des Mitmach-Web bei den Sozialdemokraten erleben: Sein vor sechs Wochen eröffnetes Forum “Keine Zukunft mit Kurt Beck” wurde vom Parteivorstand geschlossen. Begründung: “Die Nutzungsbedingungen sehen vor, dass Foren, Gruppen oder Blogs, die erkennbar die Diffamierung einzelner Mitglieder von ‘meineSPD.net’ oder von Funktions- und Mandatsträgern der SPD zum maßgeblichen Inhalt haben, nicht gestattet sind.”

Nun kann natürlich jeder selbst bestimmen, was auf seiner Online-Plattform veröffentlicht werden darf und was nicht. Aber wenn ich – so wie die SPD-Führung – groß töne “meineSPD.net ist ein für jeden Nutzer offenes Forum auch für kontroverse Meinungen” und dann ein missliebiges Forum einfach dicht mache, brauche ich mich über das negative Echo nicht zu wundern.

Dankbar stürzen im Sommerloch zahllose Medien sich auf das Thema, der Betroffene schreit – zu Recht – laut “Zensur”, eine Solidarisierungswelle inner- und außerhalb der Partei setzt ein – also ein klassisches Eigentor für Kurt Beck und ein PR-Desaster. Und vor allem es bringt nichts: Im Zeitalter des Web 2.0 kann man nicht so einfach eine Meinungsplattform schließen und hoffen, dass man damit die Kritiker zum Schweigen bringt.

Denn das Forum ist nun zu MeinVZ umgezogen und wird dank der guten Öffentlichkeitsarbeit der Beck-Kritiker deutlich mehr Zulauf bekommen als die ursprüngliche interne Diskussionsgruppe.

Juli 16, 2008   1 Comment

Gegen Schlammschlacht: Website soll Gerüchte über Barack Obama sofort entkräften

fight.JPGAuch ein Präsidentschaftskandidat in den USA muss ständig für seine digitale Reputation kämpfen. Deshalb hat Barack Obama unter der Adresse www.fightthesmears.com (“Kampf dem Schmutz”) eine Website gestartet, auf der falsche Gerüchte über den Politiker im Handumdrehen widerlegt werden – und zwar unter aktiver Mithilfe der Obama-Unterstützer. Die können zum Beispiel ihre eigenen Kontaktadressen hochladen und dafür sorgen, dass diese Freunde sofort Informationen erhalten, die Gerüchte aus Schmutzkampagnen richtigstellen.

Die Website wurde freigeschaltet, nachdem auf rechtsgerichteten Websites und in konservativen Rundfunk-Talkshows das Gerücht verbreitet wird, Obamas Ehefrau Michelle habe das abschätzige Wort “whitey” für weiße Wähler benutzt. Es gebe ein Video, auf dem sie – von der Kanzel der Trinity United Church of Christ sprechend – dieses Wort verwendet habe. Das Obama-Team entgegnet dagegen, es gäbe kein solches Video. Auf der Seite heißt es auch, “Senator Obama ist nie ein Muslim gewesen, wurde nicht als Muslim aufgezogen, und ist ein engagierter Christ“. Zudem ist ein Foto zu sehen, auf der Obama seine Hand laut Bildüberschrift zum Eid auf eine Bibel legt. “Unsere Anhänger können so gegen die Schmutzkampagne vorgehen, wie sie verbreitet wird: Per Internet“, sagte Obamas Sprecher Tommy Vietor zum Start der Antischmutz-Site.

Die Nachrichtenagentur afp, bei der diese heute von vielen Tageszeitungen ungeprüft übernommene Meldung gestern über den Ticker lief, betätigte sich gleich selbst als Gerüchteschleuder: Indem sie die URL mit www.FightTheSmear.com angab, was ins digitale Nirwana führt.

Juni 13, 2008   Kommentare deaktiviert

CSR: PR-Gau bei der Credite Suisse?

Es hätte so schön sein können. Am vergangenen Mittwoch begann das Schweizer Geldinstitut Credit Suisse in seinen Filialen mit der Verteilung von 200.000 Fussbällen in den Landesfarben der Eidgenossenschaft, um “bei Kindern und Jugendlichen die Freude am Spiel nahe bringen und die Vorfreude auf die bevorstehende Europameisterschaft zu wecken“.Fussbälle_414.jpg

Auf der Website der Bank ist zu dieser Aktion unter anderem zu lesen: “Die Geschichte der Fussbälle beginnt in Pakistan. Dort nämlich werden sie hergestellt, unter strenger Aufsicht eines international tätigen Qualitätsinstituts. Die Experten vor Ort achten nicht nur auf gute materielle Qualität, sondern besonders auf faire Arbeitsbedingungen für die Mitarbeiter. So wurden die Bälle ohne Kinderarbeit hergestellt.”

Doch genau das wird jetzt bezweifelt. Das Magazin “10 vor 10″ des Schweizer Fernsehens veröffentlichte brisante Dokumente aus Pakistan, nach denen die bunten Bälle von pakistanischen Kindern gefertigt wurden – für schlappe 39 Rappen das Stück. Als Beweis dienen Rechnungen des im pakistanischen Sialkot ansässigen Ballherstellers Sunflex International an die Credit Suisse.

Ein weiterer Skandal: Ausgerechnet dieser Hersteller lässt sich vor Ort nicht von der staatlich mitfinanzierten “Organisation gegen Kinderarbeit” Imac kontrollieren. Seit Jahren schaut Imac rund 95 Prozent der Ballproduzenten in Sialkot auf die Finger, berichtet “10 vor 10″ – nicht aber Sunflex International.

Das Magazin: Der von dem Schweizer Geldhaus beauftragte Ballhersteller habe die Näharbeiten an Subunternehmen weitervergeben. Diese wiederum ließen die Bälle in Dörfern von Familien nähen – darunter offenbar auch von deren Kindern. Als Lohn erhielten die Familien gerade mal die Hälfte des vor Ort üblichen Lohns – umgerechnet 24 Cent.

Wir sind bestrebt, bei unserer Geschäftstätigkeit Umwelt- und gesellschaftliche Aspekte zu berücksichtigen. Mit der Unterzeichnung internationaler Umwelt- und Nachhaltigkeits-Chartas unterstreichen wir unser Engagement“, verkündet die Credite Suisse in ihrem “Corporate Citizenship Report”. Daran wird das Geldinstitut nun – zu Recht – gemessen.

Es kann ja sein, dass das renommierte Bankhaus beim Auftrag zur Fertigung der Werbebälle von seinen Lieferanten getäuscht wurde. Vielleicht ist auch nur schlampig gearbeitet worden oder jemand will dem Finanzdienstleister aus Zürich am Zeug flicken.

Trotzdem ist die bisherige Reaktion auf die Vorwürfe – gelinde gesagt – wenig professionell. Offenbar wurde das Unternehmen von den Anschuldigungen ziemlich überrascht. “Das ist so noch nicht vorgekommen“, sagte eine Bank-Sprecherin gegenüber den Medien. Die Credit Suisse prüfe derzeit die Vorwürfe, die Anschuldigungen sollen “so schnell wie möglich” aufgeklärt werden. Erforderlich sei jedoch eine gründliche Prüfung.

In der Zwischenzeit werden die Bälle aber in den Schweizer Filialen weiter verteilt. Und die schöne Story über den Weg der 200.000 Werbegeschenke in das Alpenland ist nach wie vor im Original und unkommentiert auf der Website zu finden. Eine aktuelle Reaktion auf die Medienberichte dagegen nicht. Und von einem Corporate Weblog, in dem das weltweit aktive Geldhaus, schnell und aus erster Hand über die Ergebnisse seiner Aufklärungsaktionen im fernen Pakistan berichten könnte, hält man in Zürich offensichtlich auch nichts.

Das gestern der Börsenkurs der Credite Suisse um 2,14 % nachgegeben hat, wird wohl noch nichts mit der aktuellen Diskussion und eventuellen Boykott-Aufrufen zu tun gehabt haben. Aber das kann sich schnell ändern: Ist das Image erst einmal ramponiert, wirkt sich das auch auf den Kurs an der Börse aus. Siehe Nokia.

NACHTRAG: Die Credit Suisse kann laut eigenen Angaben nicht ausschliessen, dass pakistanische Kinder ihre Werbefussbälle zusammengenäht haben. In einem Communiqué vom Dienstag schreibt sie: “Der Schweizer Auftragnehmer, die mit der Produktion der Bälle beauftragte Firma in Pakistan wie auch eine unabhängige internationale Prüfungsorganisation vor Ort haben schriftlich bestätigt, dass es keine Anzeichen für Kinderarbeit gibt“. Die Credit Suisse setze sich hohe ethische Standards und sei sich ihrer sozialen Verantwortung bewusst, heisst es in dem Communiqué weiter. Allein das Bestehen eines blossen Verdachts, dass bei der Herstellung der Fussbälle ein Verstoss gegen das Kinderarbeitsverbot vorliegen könnte, sei inakzeptabel. Deshalb habe die Grossbank nun dem Kinderhilfswerk Unicef eine Spende von einer Million Franken zukommen lassen.

April 22, 2008   1 Comment