Die Bahn bloggt – wirklich?

Selten habe ich so eine irreführende Überschrift gesehen, wie heute morgen in der Financial Times Deutschland (FTD). Denn es geht in dem Artikel nicht etwa um ein neues Corporate Weblog der Deutschen Bahn (DB), sondern um die Astroturfing-Aktionen des Logistikkonzerns.
Die übrigens ohne tatkräftige Mithilfe der Medien nicht funktionieren würden. Doch die geheimen Aktivitäten zur Beeinflussung – so der FTD-Redakteur in seinem Artikel – seien nicht immer leicht zu erkennen und verweist auf die „Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft“, bei der “erst nach Jahren klar geworden sei, dass Arbeitgeberverbände die Aktion finanzierten.” Na ja, wer die Augen aufgemacht und etwas recherchiert hat, konnte diesen Zusammenhang schon sehr früh herausfinden. Heute reicht sogar ein Blick in die Wikipedia.
Aber solange die Anzeigengelder fließen, schaut man auch in Hamburg nicht so genau hin. Was übrigens auch für die Bahn-Lobbyisten galt. Heute räumt die Financial Times ein: “Die FTD hat am 23. Mai und am 1. November 2007 Gastbeiträge von Daniel Dettling, dem Gründer, Vereinsvorsitzenden und heutigen Geschäftsführer von Berlinpolis veröffentlicht. Der erste Text plädierte dafür, dass die Regierung die Privatisierung vorantreibt. Der zweite wies die Verantwortung für den Regionalverkehr den Ländern zu. … Daniel Dettling hat seit 2004 zu verschiedenen Themen in der FTD geschrieben. Die Kontakte zwischen Berlinpolis und Bahn waren uns bisher leider nicht bekannt. Unabhängig davon, ob und wie die zwei Bahn-Texte Dettlings tatsächlich von der DB beeinflusst wurden, hätten wir sie nicht gedruckt, wenn wir von der indirekten Verbindung gewusst hätten.”
Das lässt ja für die Zukunft hoffen.
Juni 2, 2009 No Comments
Verwirrende Astroturfing-Aktionen im Auftrag der Bahn
Während der bei der Deutschen Bahn für die verdeckten PR-Aktionen verantwortliche Marketing-Manager Ralf Klein-Bölting heute tatsächlich seinen Hut nehmen musste, bestreitet die Agentur Berlinpolis e.V. die Vorwürfe. Das ist nun sehr erstaunlich, da der neue Bahnvorstand die Astroturfing-Aktivitäten im Jahr 2007 ja bereits zugegeben hat.
Irgendjemand muss die Knochenarbeit doch gemacht haben? Laut Spiegel online sind “von insgesamt rund 2400 Beiträgen in drei Bahnforen etwa ein Viertel der Beiträge verdeckt im Auftrag der Bahn gepostet worden. Die Bahn ließ auch fertige Artikel an Zeitungen und Zeitschriften verschicken, ohne sich als Auftraggeber kenntlich zu machen. Mehrere überregionale und regionale Medien veröffentlichten demnach die Beiträge. Auch bezahlte Leserbriefe wurden von den für die Bahn tätigen Agenturen an die Presse verschickt, zudem Beiträge in Radiosendern und Videoclips in Internet-Communities plaziert.”
Ob diese Arbeit wirklich ein Budget von 1,3 Mio. Euro Wert ist und ob vor allem die damit verbundenen Ziele einer Beeinflussung der öffentlichen Meinung erreicht wurden, sei einmal dahingestellt. Aber irgend jemand muss doch in der heißen Phase des Lokführerstreiks und der Bahnprivatisierungsdiskussion mehr oder minder rund um die Uhr in die Tasten gehaut und bahnfreundliche Kommentare verbreitet haben? Wenn es die Agentur nicht war, wer dann? Verwirrend, verwirrend.
Peter Turi bringt unterdessen die Kölner Agentur Allendorf Media ins Spiel, die unter anderem für “Abgeordnete des Bundestages, der Landtage und des Europaparlamentes, die Bundeswehr und die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM)” arbeitet. Auch mit Astroturfing-Methoden?
Thomas Pleil hat übrigens mit Hilfe von Agglom ein schönes Infopaket zum aktuellen Bahnskandal geschnürt. Wir nutzen dieses Werkzeug selbst auch recht intensiv – sowohl intern wie für öffentliche Infopakete. Aber irgendwie hat es sich leider noch nicht so richtig durchgesetzt.
Mai 29, 2009 No Comments